Blog | 25. Februar 2026

Die Notwendigkeit eines strategisch fundierten Change-Managements

Auf Basis der funktional-strukturellen Systemtheorie von Niklas Luhmann
wisnet / wiri Innovation Day 2025

Die Herausforderung

Organisationen sind komplexe soziale Systeme, die sich in einem ständigen Wandel befinden. Ein unzureichendes Verständnis des organisationalen Change-Managements kann den Erfolg von Veränderungsvorhaben gefährden. Change-Vorhaben sind individuell, komplex und dynamisch, da sie von Menschen, Strukturen und Umfeldfaktoren geprägt sind. Die soziologische Systemtheorie nach Luhmann betont, dass soziale Systeme aus Kommunikation bestehen und sich nur durch Kommunikation erhalten können. Es geht bei der Analyse nicht um die festen Strukturen von Organisationen wie in im klassischen Strukturfunktionalismus (insbesondere nach Talcot Parson), sondern um die Funktionen von Strukturen, die sich autopoetisch (selbsterzeugend) kommunikativ erzeugen. Dies ist ein zentraler Ansatzpunkt für das Verständnis und die Gestaltung von Change-Prozessen. Um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, bedarf es nicht nur eines Verständnisses der Change-Prozesse selbst, sondern auch einer fundierten strategischen Herangehensweise, die über reine Zweckrationalität hinausgeht.

Dieser Ansatz ist nicht zu Verwechseln mit systemischer Beratung bzw. Coaching. Das hier zugrunde liegende Konzept zum Verständnis von Gesellschaften und Organisationen ist ein rein analytischer Ansatz und steht im Wettbewerb zu vergleichbaren soziologischen Ansätzen (Handlungstheorien, Verhaltenstheorien, Konflikttheorien u. a.), die in Teilen auch Interventionsstrategien beinhalten. Systemische Beratung ist dagegen ein sozialpsychologischer Interventionsansatz, der das Individuum im Kontext seiner sozialen Umwelt sieht und primär als therapeutischer bzw. interventionistischer Ansatz zu verstehen ist. Change-Management bedarf einer theoretischen und wissenschaftlich validen Begründung und ein wesentlich Bestandteil ist dabei ein konsistentes Verständnis von Organisationen. Als Managementansatz muss es aber darüber hinausgehen und basierend auf dieser Analyse Interventionsstrategien entwickeln und taktisch umsetzen, die eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit haben.

Grundannahmen des Change-Konzepts unter Berücksichtigung einer funktional-strukturellen Systemtheorie: Aspekte

  • Organisationen als Kommunikations- und Spielsysteme: Organisationen bestehen aus Kommunikationen und Handlungen, die der Koordination von Akteur:innen dienen. Gleichzeitig sind sie Schauplatz organisationaler Spiele, in denen Akteur:innen unterschiedliche Strategien verfolgen, um ihre Ziele zu erreichen. Die Gestaltung der Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg von Veränderungsprozessen, wobei Machtstrategien als Kommunikationsstrategien verstanden werden können, die sich an Spielsituationen anpassen und Reflexivität erfordern.
  • Eigendynamik und Nicht-Standardisierbarkeit von Wandel: Wandel in Organisationen hat immer eine Eigendynamik und kann einen anderen Verlauf nehmen als ursprünglich vorgesehen. Dies erfordert Flexibilität, Agilität und regelmäßige Reflexion. Strategische Handlungen sind ebenfalls vom Spielverlauf abhängig und müssen immer neuen Situationen angepasst werden, um organisationale Innovationen und Veränderungen zu ermöglichen.
  • Drei Dimensionen der Veränderung und ihre strategische Verknüpfung:
    • Sachdimension: Anpassung von Strukturen, Prozessen und Ressourcen. Hier greifen insbesondere rationale Strategien, die Strukturen, Handlungsmöglichkeiten und Zwänge analysieren. Auch technische Innovationen als Teil von Strategien des Wandels spielen hier eine Rolle, indem sie die Reduktion und Selektion komplexer Sachverhalte durch Technisierung ermöglichen.
    • Zeitdimension: Organisationen benötigen Zeit und Raum für Reflexion und Lernen. Dies korrespondiert mit der Notwendigkeit, Strategien nicht statisch zu betrachten, sondern sie zur Zielerreichung auszuweiten, einzugrenzen oder aufzugeben. Iteratives Vorgehen und Reflexion sind entscheidend, um auf unerwartete Entwicklungen und sich ändernde Erwartungen zu reagieren.
    • Sozialdimension: Berücksichtigung des individuellen „Erlebens“ von Momenten und Zusammenhängen, Kommunikation von Normen und Erwartungen. Hier sind Veränderungsstrategien relevant, die auf Menschen einwirken und soziale Innovationen anstoßen. Vertrauensstrategien, die auf die Erfüllung von Erwartungshaltungen und Partizipation setzen, sind ebenfalls entscheidend, um Akzeptanz zu schaffen und Widerstände zu reduzieren.
Dimension Strategische Verknüpfung Relevante Rollen/Phasen
Sachdimension Rationale Strategien, technische Innovationen Change Owner (Planung, Umsetzung)
Zeitdimension Iterative Anpassung, Flexibilität Change-Berater:innen (Reflexion, Meilensteine)
Sozialdimension Vertrauens- und Machtstrategien, Erwartungsmanagement Agents/Multiplikator:innen (Kommunikation, Beteiligung)
  • Erwartungsstrukturen und Komplexität: Erwartungen sind entscheidend für die Koordination von Handlungen in sozialen Systemen. Strategien müssen darauf abzielen, Komplexität zu reduzieren und Handlungen zu ermöglichen. Transparenz und Information durch die Kommunikation von Erwartungsstrukturen sind hierbei essenziell.

Rollen und Verantwortlichkeiten im Change-Prozess mit strategischer Ausrichtung

Ein erfolgreiches Change-Vorhaben erfordert das Zusammenspiel verschiedener Rollen und Rollentransparenz. Diese Rollen müssen strategisch agieren:

  • Change Owner & Entscheidungsträger:innen: Verantwortlich für die Zielerreichung und Umsetzung. Sie tragen die unternehmerische Letztverantwortung und müssen Gewinnstrategien definieren und auswählen, die auf dauerhafte Positionierung am Markt ausgerichtet sind.
  • Change-Management-Berater:innen: Besitzen Expertise und Know-how, um den Change-Prozess zu definieren, zu bewerten und zu begleiten. Sie müssen die Logik der Spielstruktur und des Spielmechanismus verstehen, um Gewinnstrategien modifizieren zu können.
  • Change Agent/Multiplikator:innen & Change Beteiligte/Projektmitarbeiter:innen: Begleiten den Prozess kommunikativ und sind wichtig für die Beteiligung der Mitarbeiter:innen. Sie sind Akteur:innen in organisationalen Spielen, die ihre eigene Strategie auswählen müssen. Ihre Anpassungsfähigkeit ermöglicht organisationale Innovationen.
wisnet / wiri Innovation Day 2025

Change-Vorhaben und integrierte Strategien

  • Entwicklung der Vorgehensarchitektur:
    • Planung des Change-Vorhabens: Bewertung von Ergebnissen und Zielbild, Entwicklung von Arbeitspaketen, Maßnahmen, Methoden und Meilensteinen. Hierbei sind rationale Strategien gefragt, die Strukturen und Handlungsmöglichkeiten analysieren.
    • Spielregeln und Entscheidungsprozesse: Etablierung notwendiger Spielregeln und Entscheidungsprozesse. Dies ist eng mit der Gestaltung von Gewinnstrategien verbunden, die durch Entscheidungsprämissen und Operationen modifiziert werden müssen.
    • Beteiligung der Betroffenen: Größtmögliche Einbindung zur Förderung von Co-Kreation. Dies ist ein zentraler Aspekt von Vertrauensstrategien, die auf Partizipation setzen und von Veränderungsstrategien, die das menschliche System berücksichtigen.
    • Kommunikationsmaßnahmen: Kontinuierliche Durchführung zur Erzeugung von Transparenz und Umgang mit Widerständen. Dies ist eine Kernaufgabe von Machtstrategien, die als Kommunikationsstrategien verstanden werden, und von Vertrauensstrategien, die Transparenz fördern.
    • Berücksichtigung mehrerer Stränge: Maßnahmen zu betriebswirtschaftlichen Aspekten, Musterwechsel im Denken und Verhalten, Change-Methoden und Kommunikationsplanung. Dies erfordert eine integrative Strategie, die Gewinn-, Veränderungs- und Machtstrategien miteinander verbindet.
  • Umsetzung der Veränderungen :
    • Aktivierung und Integration: Verankerung der Veränderungen im Tagesgeschäft. Hier sind Veränderungsstrategien entscheidend, die organisationale sowie kollektive und individuelle Lernprozesse anschieben.
    • Flexibler Methodeneinsatz: Anpassung der Organisation und Begleitung von Führungskräften und Mitarbeiter:innen. Dies spiegelt die Notwendigkeit wider, Strategien nicht statisch zu sehen, sondern flexibel anzupassen.
    • Kommunikationskanäle und Dialoge: Einsatz geplanter Kommunikationskanäle und Gestaltung von Dialogen. Dies ist ein Element von Machtstrategien, die auf „Einfluss nehmende Kommunikation“ abzielen, und von Vertrauensstrategien, die Transparenz und Dialog fördern.
    • Vermarktung von Quick-wins: Verdeutlichung des Erfolgs und Transparenz des Veränderungsgrades. Dies kann als Teil einer Gewinnstrategie verstanden werden, die den Erfolg der handelnden Akteur:innen messbar macht.
    • Lessons Learned: Förderung kontinuierlicher Weiterentwicklung. Dies unterstützt die Reflexivität der angewandten strategischen Handlungsweisen und Ziele.
    • Umgang mit Widerständen: Konsequentes Weiterverändern und Nutzung der Change-Story. Hier können offensive Machtstrategien, die eine aktive Kommunikation des Vorhabens beinhalten, hilfreich sein.

Methodenkompetenz und Erwartungsmanagement als strategische Notwendigkeit

Wirkungsvolle Methoden, Hilfsmittel und Tools sind notwendig, um Veränderungsprozesse gezielt planen, gestalten, steuern und messen zu können. Die Auswahl der Methoden sollte sich am Reifegrad der Organisation und der größtmöglichen Wirkung zur Aktivierung der Entscheider:innen orientieren.

  • Erwartungsmanagement: Ein aktives Erwartungsmanagement ist unerlässlich, da Erwartungen entscheidend für die Koordination von Handlungen sind und Enttäuschungen zu Widerständen führen können. Vertrauensstrategien sind hierbei zentral, da sie durch das „umformende Eingehen auf fremde Erwartungen“ Vertrauen aufbauen.
  • Transparenz und Information: Klare und transparente Kommunikation über Ziele, Vorgehen und mögliche Auswirkungen des Wandels reduziert Komplexität und vermeidet Missverständnisse. Dies ist ein Merkmal sowohl von Vertrauens- als auch von offensiven Machtstrategien.
  • Beteiligung und Co-Kreation: Die Einbindung der Betroffenen fördert Akzeptanz und reduziert Widerstände. Dies ermöglicht die Berücksichtigung unterschiedlicher Erwartungen und die Bildung gemeinsamer Erwartungen, was ein Kernaspekt von Vertrauensstrategien ist.
  • Iteratives Vorgehen und Reflexion: Ermöglicht die Reaktion auf unerwartete Entwicklungen und sich ändernde Erwartungen. Dies ist entscheidend, da Strategien nicht statisch sind und eine prozessorientierte Qualitätskontrolle erfordern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein erfolgreiches Change-Konzept eine enge Verknüpfung von systemischem soziologischem Denken und strategischem Handeln erfordert. Ausgangspunkt muss aus wissenschaftlicher Perspektive ein in sich geschlossenes Analysekonzept wie hier die funktional-strukturelle Systemtheorie von Luhmann sein. Es muss die Eigendynamik des Wandels anerkennen, die Bedeutung von Kommunikation und Erwartungsmanagement hervorheben und die verschiedenen Rollen strategisch interpretieren. Die Integration von Gewinn-, Veränderungs-, Macht-, Vertrauens- und rationalen Strategien ermöglicht es, die Komplexität des Wandels zu managen und organisationale Innovationen erfolgreich umzusetzen. Auf der Interventionsebene bedarf weiterer valider Konzepte wie die der soziologischen Rollentheorie, der Ideologieproduktion oder legitimatorischer Ansätze bis hin zur Psychodynamik.

Quellenangabe

DIN Deutsches Institut für Normung e.V. (2020): Organisationales Change-Management in Beratungskontexten. DIN SPEC 91405. ICS 03.080.20 März 2020.

Friedberg, Erhard (1995): Ordnung und Macht. Dynamiken organisierten Handelns. Frankfurt/Main: Campus-Verl. (Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, 3).

Wellner, Jörg (2002): Luhmanns Systemtheorie aus Sicht der Verteilten Künstlichen Intelligenz. Erschienen in: Kron, Thomas (Hrsg.): Luhmann modelliert – Soziononische Ansätze zur Simulation von Kommunikationssystemen. Opladen. Leske + Budrich.

Winter, Bärbel: Mikropolitische Spiele zwischen Bildungsabteilungen und Fachabteilungen bei der Gestaltung innovativer Weiterbildungsangebote am Beispiel von E-Learning und Wissensmanagement. Dissertation Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Dr. phil. der Fakultät für Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen 03. November 2011.

Autorin: Dr. Bärbel Winter

 

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