Rückblick | 12.12.2015
TAGEBUCH – 12.12.2015: Erste Schritte zur Digitalisierung im Handwerk
TAGEBUCH – 12.12.2015: Erste Schritte zur Digitalisierung im Handwerk
Am Beispiel des Hagener Metallbauunternehmens Röll zeigt sich, wie wichtig die Digitalisierung für das Handwerk geworden ist und welchen Mut es braucht, alte Strukturen zu hinterfragen. Zwar zählt in der Schlosserei-Branche weiterhin solides Handwerk, doch der Weg zum Kunden führt zunehmend über digitale Kanäle. Der „Handwerker der Zukunft“ muss weit mehr können als nur sein Fach: Kundenkommunikation, Internet, soziale Medien, Marketing, IT-Sicherheit, Buchhaltung, Ausbildung und ständige Weiterbildung gehören heute ebenso dazu. Besonders herausfordernd ist dabei die Zusammenarbeit zwischen erfahrenen Meistern aus einer analogen Zeit und jungen Kollegen, für die digitale Prozesse selbstverständlich sind. Betriebe, die beide Welten verbinden, haben gute Zukunftschancen.
Die Firma Röll ist ein positives Beispiel. Sie nimmt als erste in Deutschland am Förderprogramm „go-digital“ des Bundeswirtschaftsministeriums zur Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen teil, mit dem Digitalisierungsberatung und -umsetzung mit bis zu 16.500,00 Euro bezuschusst werden.
(Aktuelle Anmerkung der Redaktion: Das Förderprogramm „go-digital“ ist zum 31. Dezember 2024 ausgelaufen, deshalb können keine neuen Anträge mehr gestellt werden.)
Am 12. Dezember 2015 waren der SPD-Bundestagsabgeordnete René Röspel und der Geschäftsführer der Hagener Wirtschaftsförderung, Michael Ellinghaus, vor Ort, um sich ein Bild von der Umsetzung in der Praxis zu machen. Ebenfalls beim Ortstermin dabei: Dr. Erich Behrendt, der Vorsitzende des Wisnet e. V. und Inhaber der Unternehmensberatung IMK Consulting, die die Digitalberatung durchgeführt hat.

Für die erfolgreiche Umsetzung stehen Detlef Röll, Chef des Hagener Metallbau-Unternehmens, und sein Sohn Simon, der die digitale Welt versteht und das hochwertige Handwerk des Betriebs zeitgemäß präsentieren möchte. Sein Ziel ist es, den Kunden dort zu erreichen, „wo er heute ist: Größtenteils in der digitalen Welt und auf verschiedenen Kanälen“.
Dazu gehört, dass Betriebe sich zusätzlich neuen, ursprünglich fachfremden Aufgaben widmen. „Der Handwerksbetrieb von heute muss ganz neue Arbeitsbereiche in seinen Betrieb integrieren“, sagt Erich Behrendt. Er nennt einen professionellen Internetauftritt, Social-Media-Präsenz mit Geschichten aus dem Betriebsalltag, digitale Buchhaltung, IT-Sicherheit sowie Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität als Arbeitgeber für junge Menschen.
Seniorchef Detlef Röll sieht bereits positive Effekte: „Seit wir uns anders verhalten und die Möglichkeiten der Digitalisierung als Chance verstehen, erreichen wir neue und völlig andere Kunden.“ Der digitale Auftritt helfe auch, veraltete Klischees über das Schlosserhandwerk zu überwinden. Woher sollen die Menschen auch wissen, dass bei Röll zum Beispiel hoch spezialisierte Produkte wie Krankenhausbetten mit antibakterieller Kupferlegierung oder individuelle Brandschutz- und Sicherheitslösungen für eine Polizeiwache entstehen? „Das sind die kleinen Geschichten, die Betriebe in den sozialen Netzwerken erzählen müssen. Aufmerksamkeit und Identifikation kommen heute über solche Informationen, Fotos und geschickte Vermarktung“, so Behrendt. Ein zentrales Problem bestehe jedoch häufig im Spannungsfeld zwischen erfahrenen Entscheidern ohne digitalen Blick und jungen, offenen Mitarbeitern ohne Entscheidungsmacht. Keine Denkweise sei grundsätzlich besser, doch erst die Verbindung beider Welten ermögliche Fortschritt.
Bei Röll erhebt man keinen Anspruch auf eine Vorreiterrolle, aber: „Wir versuchen etwas. Wenn die Welt da draußen sich ändert, müssen wir uns auch ändern“, sagt Detlef Röll. Dass Digitalisierung auch von äußeren Rahmenbedingungen abhängt, zeigt beispielhaft die gescheiterte Umstellung auf ein „Voice-over-IP-System“ wegen unzureichender Internetleistung im Industriegebiet – ein Problem, das nicht in den Köpfen, sondern in der technischen Infrastruktur liegt.
